Sommerferien II. Zuletzt war hier von einer Horde wildgewordener Wikinger die Rede, die die Autorität von allen drei Skippern unserer Familien-Flottille untergruben. Halb so wild im Vergleich zu den gar schrecklichen Wikingerinnen…

Dreizehn Kinder, sechs Mütter, sechs Väter – ein Ziel: „Bitte, lieber Poseidon, lass auch diesen Törn unfallfrei und ohne irreparable psychische Schäden vorübergehen!“

Ich ging als letzter unserer durchaus verhaltensoriginellen Gruppe von der Konoba zurück zur Marina, weil ich noch heimlich einen Beruhigungs-Travarica genommen hatte. Da ging’s auch schon los:

„Paaaapaaaaaa! Ich hab mir die Zehe gebrochen.“

Sechs Väter wandten sich der armen Jenny zu, obwohl natürlich nur einer gemeint sein konnte.  Trotzdem waren die sechs Mütter naturgemäß schneller bei der vermeintlich schrecklich verstümmelten Zehe, obwohl die schon gar nicht angesprochen waren.

Auch die Bezeichnung „arme Jenny“ muss relativiert werden, denn angesichts der heißen Phase ihrer Pubertät, darf Jennys familiäres Umfeldes durchaus als viel, viel ärmer eingestuft werden als sie selbst.

Jenny hatte sich die Zehe natürlich nicht gebrochen. Sie war lediglich mit einem Schlapfen unter einen Blumentopf gerutscht und hatte sich dabei den türkisfarbenen Nagellack etwas zerkratzt. Der verheerende Unfall ereignete sich an einem strategisch überaus günstigen Platz, nämlich direkt vor einem Eissalon.

„Mama, darf ich Eis?“ Eine der Wikingerinnen erfasste die Lage blitzschnell. Am Vortag war unsere Gruppe nach einem ähnlichen Aufschrei vor einem Tattoo-Studio – „Mama, darf ich Arschgeweih?“ – nur knapp an einer Massentätowierung  vorbeigeschrammt.

„Ich auch!“ schallte es auch heute wieder im siebenstimmigen Mädchenchor durch die steinernen Gassen, wodurch die männlichen Wikinger aus irgendeinem verbotenen, weil privaten, Olivenhain brüllend einher stürmten. Einer von ihnen humpelte – wie sich zwei Tage später herausstellte, hatte der sich tatsächlich eine Zehe gebrochen.

Noch heute bewundere ich den kroatischen Eisverkäufer für seine Gelassenheit während der nun folgenden Invasion. Angeblich hat der Mann inzwischen ein Angebot als Psychologe bei Austria’s next Topmodel.

Der nächste Tag, eine gemütliche Bucht muss her! Auch Eltern haben Rechte. (Glauben sie!) Šćedro ist ein Kompromiss, weil zumindest Wirtshäuser vorhanden sind. Die Klassensprecherin der per Roaminggebühr stets kurzgeschlossenen Tussenschaft vermeldet: „Wir haben beschlossen, nicht in eine Bucht zu fahren. Wir wollen in eine Stadt, wo was los ist.“

Ein unausführbarer Befehl kurz vor Sonnenuntergang, zwölf Meilen nach der Stadt Hvar und hundert Meter vor der Einfahrt in die Bucht von Šćedro. Die per Funk (daher gebührenfrei) miteinander kommunizierenden Skipper der drei Schiffe gaben diesmal nicht nach.

Die Reaktion von Iris, der Tochter des Flotten-Kommodores, war ganz ohne Telekommunikationsmittel auf allen drei Schiffen zu vernehmen. Sie sei hier im vollen Wortlaut wiedergegeben, wobei die nicht druckreifen – weil völlig unzumutbaren – Passagen ausgeixt wurden:

„Du xxxxxxx Xxxxxxx, das ist xxxxxx Xxxxxxx, und du Xxxxxx xxxxxxx xxxxx xxxxx nie wieder xxxx xxx xxxxxxx Xxxxxxxxxx, xxx Xxxxxxx!“

Schmollend beschlossen die sich für solidarisch erklärenden Wikingerinnen für den Rest des Törns jeweils eine Unterhose als Kopfbedeckung zu tragen. Und zwar besonders in aller Öffentlichkeit; quasi als starkes Zeichen ihres immerwährenden Protestes gegen skipperliche Fehlentscheidungen. Die ebenso heftig pubertierenden männlichen Wikinger grunzten vor Vergnügen, als die Wikingerinnen so geschmückt in die Dinghis kletterten.

Dummerweise traf die Horde im Gastgarten auf folgendes Szenario: Der kroatische Wirt ist mit einer Österreicherin verheiratet. Die Familie lebt nur im Sommer auf Šćedro,  das restliche Jahr über in Wien. Der Sohn ist ebenfalls zugegen, weil eben Ferien sind.  Eines unserer Mädchen geht mit ihm in Wien in die Klasse. 

Es dauerte sieben, vielleicht acht Hundertstelsekunden, da waren die immerwährenden Unterhosen von den Köpfen der Mädchen verschwunden.

Um Ihrer Frage zuvorzukommen: Ja, ich glaube an Wunder. Ich glaube sogar noch immer an das Wunder Familientörn…

ABDRIFT Nr. 14 – YR August 2014

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