Kolumne2020-10-19T12:23:15+00:00

Kult-Kolumne Abdrift seit 2013

Seit Juli 2013 schreibt Jürgen Preusser Monat für Monat seine satirische Segel-Kolumne Abdrift in der Yachtrevue. Viele Seglerinnen und Segler haben ihm inzwischen großartigen Stoff für weitere Anekdoten aus eigenen Erlebnissen geliefert. Bitte nicht schüchtern sein! Erzählt dem Autor eure besten G’schichterln per Mail unter juergen@preusser.at

Abdrift in der Yachtrevue

Eine kleine Auswahl aus Jürgen Preussers Abdrift-Kolumnen. Wem das nicht reicht: Bitte die Yachtrevue lesen – www.yachtrevue.at – und unter juergen@preusser.at die beiden Abdrift-Bücher bestellen.

Preussers Kopfbälle im KURIER

Weil Jürgen Preusser zumindest einen Fuß auf dem Festland haben will, schreibt er etwa alle vier Wochen eine satirische Sportkolumne namens Kopfball im KURIER-Samstag-Magazin freizeit. Wer will, kann die Originale hier nachlesen. 

Kopfball 008 – 22.2.2020

BÄLLE MACHEN
SO MÜDE

Es ist Ballsaison. Ich suche Tennisschuhe. Der Verkäufer am PC reagiert nicht. Kann er auch nicht, weil er schläft. Ich will ihn nicht stören und schleiche in die Bergsportabteilung. Dort lehnt ein junger Mann mit geschlossenen Augen in einem Basketball-Dress der Memphis Grizzlies an einem Matterhorn aus Plastik. Ich beschließe, zumindest den zu wecken: „ICH SUCHE STEIGEISEN!“ Erschrocken umklammert der Bär das Matterhorn: „Wer? Rebound? Wo? Ach so… Steigeisen… ja, ich auch!“ Gleichzeitig begreifen wir, dass keiner von uns Verkäufer ist.  Aus einer offenen Umkleidekabine dringt leises Schnarchen. Eine junge Dame lehnt am Spiegel, hält einen Tennisschläger in der Hand und wird dank einer Karte am Busen als „Frl. Nadine“ identifiziert. „Tschuldigung bitte? Verzeihung? Nadine? Dornröschen? Hallo?“ Nichts. Der Grizzly hat sich inzwischen in einen Biwaksack zurückgezogen. „Herr Plustermeier, kommen sie bitte…“ Durchsage endet mitten im Satz. Dame am Mikro muss  eingeschlafen sein. Mein Handy spielt Tschaikowskis Nussknacker. Bruderherz ist dran. Wollte ursprünglich mit mir Sportschuhe kaufen: „Sei nicht bös, hab‘ verschlafen; weißt eh: Tennis in Übersee…“ Lautes Poltern im Hintergrund. Büffelherde im Anrollen? Nein, doch nicht. Der Tennisschuhverkäufer ist vom Bürosessel gekippt und hat den Korb mit den Basketbällen die Stiege runter geleert. „Was ist denn bei euch los, so früh?“, fragt mein Bruder. Früh? Es ist 11 Uhr 23. Okay, jetzt hab ich ‘s begriffen: Es ist Ballsaison. Für die härtesten Sportfans inzwischen ganzjährig im Pay-TV.

Kopfball 007 – 11.1.2020

FUSSBALL IST
SO EINFACH

Man ziehe die Wurzel aus der Differetialfunktion der Zahl π nach der Eulerschen Identität, subtrahiere die geopolitische Schnittmenge der Vektoren von 55 europäischen Ländern, ignoriere den Limes, wonach es in Europa nur 47 Länder gibt unter Berücksichtigung des gaußschen Fehlerintegrals, multipliziere das halbierte Zwischenergebnis mit der dritten Potenz von xn weißhaarigen Männern, die über die Menge alpha mal gamma an Schweizer Franken auf Basis der Mächtigkeit des Kontinuums verfügen und ermittle mittels expliziter Fibonacci-Folge ein Paraboloid, das sich nach dem Taylor-Polynom auf keinen Fall durch 16 teilen lässt. Wenn Sie diesen Modus nicht gleich verstanden haben, setzen Sie sich zwischen 12. Juni und 12. Juli einfach vor den Fernseher, lassen Sie sich überraschen, wer da gerade spielt, staunen Sie, dass die EM in Rom beginnt und in London endet, wundern Sie sich nicht, dass Österreich erstens mitspielt und zweitens zwischen Bukarest und Amsterdam pendelt und akzeptieren Sie gefälligst, dass der erste Gegner zwar jetzt noch nicht feststeht, am 14. Juni aber wahrscheinlich schon. Dieses nette Detail hat tangential auch mit dem oben abgehandelten Qualifikationsparadoxon zu tun, ist aber nicht weiter beunruhigend. Laut meinem Whistleblower wurde der EM-Modus von einem entflohenen Sträfling aus einer Anstalt für geistig abnorme Integralrechnungsprofessoren ausgeheckt. Ich werde versuchen, diesen Irrwitz meiner Frau zu erklären. Dann wird sie mich sicher mit keiner weiteren Fußball-Frage belästigen.

Kopfball 006 – 30.11.2019

JOEY CHESNUT,
SUPERHELD

Glühwein und andere Brennstoffe sind kein Problem. Mich werfen die Jahr für Jahr gebrochenen Nussbusserl-Weltrekorde aus der Bahn. Im Advent verzichte ich auf Nordic Walking, Tennis und Radfahren, weil ich die Dose mit den Florentinern nicht so lang allein lassen kann. Ich such‘ mir alternative Sportarten – im Fernsehen. Da stolpere ich über Nathan’s Famous Hot Dog Eating Contest. Alle anderen Idole männlicher Couch-Potatoes von Valentino Rossi bis Ronnie O’Sullivan sind ab sofort zweite Wahl. Joey Chesnut ist mein neuer Superheld. In seiner 14-jährigen Karriere hat er eine Spur der Verwüstung durch den Nutztierbestand der USA gezogen. Im Vergleich war Buffalo Bill ein Tierschutz-Aktivist: 103 Cheeseburger; Tennessee. 241 Chicken Wings; Pennsylvania. 4 ½ Kilo Schweinsrippen; Nevada. 2 Kilo Steaks (in 52 Sekunden!); Texas. 4 Kilo Shrimps; Florida. Und zur Krönung: 74 Hotdogs (12 Minuten) im Wimbledon der Fresssäcke, Coney Island, New York, wo seit 1916 die erwähnte Hot-Dog-WM stattfindet. Die Brüder George und Dick Shea wurden durch solche Events zu Multimillionären. Bisher wehrt sich just die Heimat des Grammelknödels standhaft. Damit ist jetzt Schluss! Ich stell‘ den Austrian Grand Slam auf die Beine: 100 Langos unterm Riesenrad, 100 Mozartkugeln auf dem Residenzplatz, 100 Hendlhaxn im Sulmtal und 100 Kaspressknödel am Bergisel. Depperte Gegenargumente (die jährlichen Todesopfer bei Fress-Bewerben, hungernde  Kinder, grausame Tierhaltung usw.) zertrümmert mein Fressechef, notfalls mein Anwalt.

tKopfball 005 – 26.10.2019

WARUM TU ICH
MIR DAS AN?

Dass man nach einem Tennis-Doppel mit seinem Partner und den Feinden bei einem Bier sitzt, ist normal. Der Ärger wurde zuvor schon weggeduscht. Oberflächlich. Männer sind nicht nachtragend und lassen sich vor allem nichts anmerken. Expertisen über Dominic Thiem, über Elektroautos oder über den faden Grand Prix helfen dabei. Ist keines dieser Themen verfügbar, muss der Fußball herhalten: Die grottenschlechten Austrianer oder die erbärmlichen Rapidler helfen gern. Und in dieser Raunzerei verbirgt sich der geballte Frust über die trottelhaften Doppelfehler des Partners, die schrotflintenartige Streuung der eigenen Rückhand, die penetranten Netzroller des ersten und die g’schupften Linienbälle des zweiten Gegenspielers. Je intensiver die verbale Zerschnetzelung Rapids ausfällt, desto schlimmer ist es auf dem Tennisplatz zugegangen. Natürlich wurden auch noch meine wenigen guten Bälle out gegeben. Eh klar! Und da sitz ich doch tatsächlich bei einem Bier und massakriere die Austria für die jämmerliche Darbietung in einem Match, das ich nicht einmal selber gesehen habe. Geht ’s noch? Vor einem Dritteljahrhundert hat Peter Michael Lingens das Buch Wir Tennisnarren geschrieben. Es ist aktueller denn je. Ich bin weder entspannt noch ausgepowert. Keine Ahnung, warum ich mir diesen Sport antue. Trainerstunden sind rausgeschmissenes Geld in meinem Alter. Ein Psychiater käme noch teurer. Seine Diagnose wäre sowieso eindeutig: Tourette-Syndrom. Dazu brauch‘ ich mich nicht auf die Couch zu legen.

Kopfball 004 – 28.9.2019

LIVERPOOL UND
LAMBORGHINI

Jahrzehntelang haben mich Autos genauso interessiert wie umgefallene Fahrräder in China. Doch während der ersten eineinhalb Jahrzehnte, die ich auf diesem Planeten verspielen durfte, war das ganz anders. Ein Lamborghini Miura in schlichtem Gold gehalten war der unangefochtene Star meines erstaunlichen Corgi-Toys-Fuhrparks. Für all die täglichen Crash Tests bekam er eine Turnbefreiung. Bei diversen Würfel-Rennen auf selber gebastelten Pappendeckel-Strecken durfte er hingegen glänzen. Formel-I-Boliden waren chancenlos, weil ich für den Maestro prinzipiell bis zum Sechser gewürfelt habe. Hätte sich der Maßstab der taschengeldvernichtenden Objekte im Führerscheinalter von 1:43 auf 1:1 geändert, so würde ich heute selber gepflückte Maronis verkaufen, um über den Winter zu kommen. Zu meinem Glück stiegen ganz andere Leidenschaften auf die Bremse. Auch Mädchen, aber vor allem Fußball. Da man mit zwei linken X-Haxen bestenfalls die Position der Corner-Fahne fehlerfrei bekleiden kann, dauerte meine Kicker-Karriere sieben Minuten. Basketball spielte ich auf rustikaler Ebene 17 Jahre. Trotzdem weiß ich heute noch, dass Terry McDermott, Tommy Smith und Phil Neal im Meistercupfinale 1977 die Tore für den FC Liverpool gegen Real Madrid geschossen haben. Derzeit feiern meine Reds einen Sieg nach dem anderen. Diese Nostalgie juckt: Soll ich zum Champions League Finale mit dem eigenen Wagen anreisen? Aber woher nehme ich die Million für einen goldenen Lamborghini, wenn die Maroni-Ernte schwächelt? Scheiße, ich bin erwachsen

Kopfball 003 – 17.8.2019

KAMPFSPORT STATT
KRAMPFSPORT

Unzählige kreative Führungsseminare musste ich einst über mich ergehen lassen. Da waren durchaus aufregende Momente dabei. Etwa als der Chef vom Dienst jener Zeitung, die Sie gerade lesen, beim Bogenschießen um ein Haar den Chefredakteur erlegt hätte. Kegeln, Zillenfahren, Fechten. Zugegeben: Ganz originell. Den beabsichtigten Effekt – Steigerung der Führungsqualität – konnte ich aber weder bei mir noch bei anderen je feststellen. Weil Zwangsbeglückung bei mir Aggressionen auslöst, bin ich auch nie mit dem Golf-Strom geschwommen. Golf erfordert Geduld und Talent. Keines von beiden hab ich. Ich steig erst ein, wenn ein Golfplatz nicht mit achtzehn bemitleidenswert kleinen Löchern ausgestattet ist, sondern mit einer großen Grube. Auf der Jagd nach Connections quälen sich viele ebenso untalentierte Menschen durch unzählige Golfrunden. Der Kampf ums Handicap baut kaum Stress ab, er schafft neue Aggressionen. Das ist kein Vorwurf an jene, die es versuchen. Ich spiele ja auch noch Tennis, obwohl der Ärger über die eigene Unzulänglichkeit viel größer ist als die Freude am Spiel. Doch was ist die Alternative? Boxen? Vielleicht ist es ehrlicher, einem Kollegen einfach in die Schnauze zu hauen, statt ihm auf dem Golfplatz scheinheilig einen „schönen Schlag“ zu attestieren. Viele Manager folgen diesem Trend. Besser als hinterhältiges Mobbing allemal. Ich wär trotzdem gern ein Mauserl am nächsten Arbeitstag. Wenn der Kanzleichef jenem Mitarbeiter, der ihm eben erst einen Schneidezahn ausgeschlagen hat, einen Auftrag erteilt: „Herr Fwoboda, bringen fie mir bittefön die Akte fechsundfechzig für die Fachverhaltfdarftellung…“

Kopfball 002 – 20.7.2019

STOFFLS
HANDGRANATEN

Ach, meine Oma! „Du läufst wie der Nurmi“, sagte sie, obwohl ich mit dem Wunderläufer nichts gemein hab‘. „Du radelst wie der Eddy Merckx“, sagte sie auch. Der hat genau vor fünfzig Jahren, am 20. Juli 1969, die Tour de France gewonnen.  Ist ein bisserl untergegangen, weil Neil Armstrong tags darauf auf dem Mond herumtapste. Merckx gewann die Tour insgesamt fünf Mal. Ich hab‘ auch von ihm rein gar nichts. Oma lag immer falsch, wenn es um Sport ging: Tennis wie Rod Laver, Fußball wie Pele, Schach wie Bobby Fischer – alles Unsinn. Auch Enkerl-Liebe macht blind. Aber eines hat sie nie gesagt: „Du spielst Völkerball wie der Schauder.“

Stoffl Schauder war um einen Kopf größer als der Zweitgrößte der Klasse und so schwer wie die beiden Leichtesten gemeinsam. Er verwendete die Plastikkugel als Waffe und sprengte innerhalb von Minuten alle Feinde aus dem Turnsaal. Stoffl wurde weder als Völkerballer noch sonst irgendwie berühmt. Er wurde Schlosser und – nach dem Vorbild unseres Turnprofessors – Alkoholiker. Es gibt Dutzende spannende, intelligente und gesunde Ballspiele. Völkerball gehört nicht dazu. Ist aber seit einem Vierteljahrtausend Unterrichtsgegenstand.  Weil mich die blauen Flecken nervten, hab‘ ich irgendwann eine von Stoffls Handgranaten gefangen. Er war so baff, dass ich ihm einen Zahn aus der Dumpfbacke schießen durfte. Bin eh nur ganz wenig stolz drauf. Weiß auch nicht, ob Völkerball etwas mit Mobbing zu tun hat. Sicher aber mit hirnverbranntem Stumpfsinn.

Kopfball 001 – 15.6.2019

SOS – Speed ohne Sinn

Ein E-Skooter-Pilot zerschellt an einer Fußgängerampel. Handy wird von einem Lieferwagen überrollt. Kopfhörerkabel baumelt unter dem devastierten Gesicht. Keiner fragt: „Kann ich helfen?“ Nicht etwa, weil es kalt geworden ist in diesem Land. Es hat einfach keiner mitbekommen, warum da einer herumsteht und aus der Nase blutet. Unfallopfer und potenzielle Zeugen waren abgelenkt. Denn just in jenem Augenblick war klar, dass Wacker Innsbruck aus der höchsten Fußball-Liga absteigt.

Die jüngste Epoche männlicher Zivilisationsgeschichte: Sport-Apps machen süchtig. Live-Ticker hilft kurz, ist aber ein Stufengift. SOS heißt der fetzengeile Trendsport – Speed ohne Sinn. Die simplen Spielregeln: Nutzloses Sportwissen wird in die Runde gebrüllt. Das musst du schneller und lauter tun als alle Kollegen. Unverzichtbar für die Karriere! Fürs Hasen-Anbraten sowieso. Ganz sicher.

Bis vor kurzem führte der turnbefreite Sportverweigerer die originelle Bewegung eines Fußballs noch auf den darin wohnhaften Goldhamster zurück. Außerdem unterlag er dem Irrglauben, Andreas Hofers Mistgabel wäre in den Tiroler Heldensagen Wacker Innsbruck genannt worden. So wie Winnetous Gewehr bei Karl May Silberbüchse hieß. Doch plötzlich unterliegt er dem Zwang, früher als alle anderen lautstark zu verbreiten, ob St. Pfosten am Häuslwald den 0:3-Rückstand gegen Strohblunzendorf noch aufgeholt hat. Wenigstens hält er Lionel Messi jetzt nicht mehr für einen polstermöbelzerfetzender Maine-Coon-Kater.

Reaktionen auf Abdrift & Kopfball

Jürgen Preusser ist für jede Anekdote, Anregung und Kritik dankbar. Bitte alle Reaktionen auf Abdrift-Kolumnen in der Yachtrevue oder auf dieser Website und auf Kopfball-Kolumnen im KURIER an juergen@preusser.at senden.

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Jürgen Preusser

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